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coyote und roadie

Feminine Fun Studies

A blonde and a brunette are lying on the floor. It looks as if they’re training their pelvic floor. But they are producing farting sounds, firstly by means of a farting cushion and afterwards by using their vagina, which makes the audience laugh at CaféTetret’s big stage.

The performance duo Chuck Morris have decided to examine the relation between gender and comedy. Can women be funny? Traditionally women will not be associated with comedy and female comedians are rare, yet it has also become a cliché that women are only beautiful, not funny.

The comic couple Cecilie Ullerup Schmidt and Lucie Tuma are funny when joking about themselves and their gender. They investigate classic elements such as timing and surprise as well as the clash between the erotic, the low and the comic. They re-enact trick film such as the speeded movements of Coyote and Roadrunner or the head-throwing “Pulse” by avant-garde artist Deborah Jandor and deliver yet another version of the female genitals as vagina dentate: Cecilie Ullerup Schmidt walks clumsily at the back end of the stage wearing a costume of teeth on arms and legs as she poses and spreads limbs to illustrate the vagina dentate. Meanwhile, her partner Lucie Tuma gives a lost lecture on Feminine Fun Studies behind her fogged glassed: of course the female academic gets her turn, too.

Feminine Fun Studies is funny, entertaining and is remarkably affected by the aesthetics of the avant-garde.

Yet it also becomes obvious how difficult it is to be professionally funny on stage. In relation to their last, explicitly aesthetic and serious work souvereines, it suits Chuck Morrris to move somewhere else, and it is relieving to be allowed to giggle when watching performance art, laugh out loud about the female gender (and one self), as it is also lovely to get confirmed that of course :Women are funny.”

**** Mette Garfield, Teater 1, September 2013

 

Feminine Fun Studies

Seit dem Abflauen des Grrrl-ism, der subversiv-selbstironischen Unterwanderung sämtlicher generalisierter Zuschreibung qua Geschlecht, ist der Witz im Dunstkreis von Rolle und Realität von Weiblcihkeit zur Fahndung ausgeschrieben. Es scheint, als ob sich im Umfeld der darstellenden Künste ein Silberstreifen am Horizont manifestiert.

Thierry Frochaux, P.S. Zürich

 

Während Duos wie Dick und Doof oder Tom und Jerry witzig sind, lacht keiner über die Heilige und die Hure. «Diese beiden Figuren sind nicht witzig, Begehren und Gelächter gehen nicht zusammen.» Chuck Morris knüpft damit an den Topos an, dass Frauen, vor allem auch Komikerinnen, nicht lustig sind. Und wer sagt das? Richtig! Die Männer.

Katja Baigger, NZZ

 

souvereines undressed

 In ihrem Rechercheprojekt “souvereines undressed” gehen Chuck Morris verschiedenen Fragestellungen in den Ausstellungsräumen des Perla-Mode nach – dies mitunter auch oder gerade wegen der Sicht auf die belebte Langstrasse. Während fünf Tagen werden sie Material sammeln und dieses anschliessend in einer abendlichen “queen time” mit Gästen diskutieren. (…) Chuck Morris, die in der “queen time” als Königinnen auftreten, untersuchen spielerisch die Attribute und (un)sichtbaren Strategien vergangener, heutiger und kommender Herrscherinnen. Märchenhafte Fiktion und die Auseinandersetzung mit tatsächlichen Machtstrukturen werden miteinander verwoben. Deshalb kommt dem wechselseitigen Blick auf die Langstrasse und in die Ausstellungsräume eine nicht unwesentliche Funktion in Bezug auf dieWissensgenerierung zu. Sie selbst schreiben zur inhaltlichen Ausrichtung ihres Einsatzes: “Öffentliche Choreografien höfischer Zeremonien spielen eine gleich grosse Rolle wie Utopien der Performance Kunst der 60er Jahre oder juristische Grauzonen im Arbeitsrecht”. Während der “queen time” werden sie sich zudem aus einem Katalog vom Publikum Fragen stellen lassen und Fragen zurück stellen: Was bedeutet die kommende Königin? Wie verführt Chuck Morris das Volk? Was bedeutet Arbeit? Für wen arbeitet Chuck Morris? Als offene Form angelegt, folgt “souvereines undressed” keinen festen Strukturen. Das Ausfransen gängiger Kunstbegriffe ist durchaus ein Ziel der Fünftagewoche. Die beiden Künstlerinnen entziehen sich mit dieser künstlerischen Anlage jeder Instrumentalisierungsversuche von dritter Seite. Dadurch werden sie sich ein spezifisches Wissen erarbeiten, Handlungen einüben und ein Stimmtraining unternehmen, mit dem es möglich wird eine Krönungszeremonie am sechsten Tag (Samstag) vorzunehmen. Chuck Morris werden durch und mit ihren Auftritt zum Gegenstand einer Aufführung, die sie planen und gleichzeitig ausführen. Bildhaft gesprochen könnte man dieses Vorgehen in einer Analogie als eine Form bezeichnen, die dem berühmten Möbius-Band gleicht. Dieses zeigt gleichzeitig zwei Seiten und lässt die Autorschaft und das Werk als Einheit zu Tage treten. Chuck Morris spitzen mit “souvereines undressed” ihre Fragestellungen und eigenen Status nicht zu, analysieren nicht nur, sondern lösen ihre Anliegen und Interessen der Recherchewoche in der Komplexität der zu untersuchenden Materie auf. Damit gelingt es ihnen spielerisch Fragen der Macht und Blickinszenierungen darstellbar zu machen.

 

Stefan Wagner, freier Autor und Kurator Corner College Zürich

souvereines

Zu schweben scheinen sie. Der Raum kahl, leer, nur ein kastenförmiges Behältnis und die doppelköpfige Königin.
Zwei Frauenkörper, zusammengebunden zu einer Königin -
der „Knotenpunkt, an dem sich Macht und Ohnmacht kreuzen. Zwei Frauen, gesäumt in einem majestätischen Kleid, erschaffen eine übermächtige doppelköpfige Königin. Chuck Morris gelingt mit „souvereines“ ein großartiger Entwurf unserer Schaufenstergeneration, in der jeder Winkel unseres Lebens sich wie in einem Matrix-Film um 360 Grad erspähen lässt.
 (…)

An jeder Seite ist ein Kopf angebracht, der dafür sorgt, dass die Königin egal zu welcher Seite gedreht, immer dabei gesehen wird, aus jedem Winkel, aus jeder Seite, immer und überall. Die Audienz wird zur Inszenierung der Vorbereitungen zur Audienz. Während sich die Königin auf der Bühne ankleidet, schafften es Chuck Morris sie für uns komplett zu entkleiden. Nackt und gläsern steht die Königin da. Durchsichtig aus allen Seiten beobachtbar. Jeder Prozess wird sichtbar gemacht. Die privaten Momente und Vorbereitungen hinter der Bühne, backstage, werden hier aus jedem Winkel onstage zur Schau gestellt. Backstage= Onstage. Eine Gleichung, die das zentrale Thema des Festivals bis ins Knochenmark trifft.

aus dem Kritikerblog zum Freischwimmer Festival 2011

 

Die Audienz der Königin im Doppelpack wird zum Schwamm, zur Projektionsfläche unserer Wünsche und Bedürfnisse. Eine Allerweltskönigin präsentiert sich uns: Souverän von Ghana über Dänemark zu Russland, offensichtlich kriegstraumatisiert und nur der Liebe des Volkes verpflichtet.

aus dem Kritikerblog zum Freischwimmer Festival 2011

 

Two women, wearing white body stockings and bound back-to-back, separated themselves, posed gracefully as if standing for a portrait, then came back together. All this action took place within a complicated hooped dress, to a score of electronica and glockenspiel. It was theatre, it was dance, it was art; it was none and all of these.

Marc Espiner, The Guardian

 

Chuck Morris ist eine Königin zusammengeknüpft aus zwei zarten, blonden Frauenkörpern. Sie hat sich ins Öffentliche zurückgezogen. In weißer Leinenunterwäsche erschafft sie sich performativ unter den Augen des Volkes. (…) Alles ist Fiktion. Die kommende Königin kann zurückstecken für das Volk. Sie muss aufs Klo, wird sich aber noch eine Weile gedulden. Sie wird zu ihrem eigenen Portrait der perfekten Herrscherin und spiegelt sich im Blick der staunenden Anwesenden. Das Volk ist hingerissen. Die Souvereines stehen über allen. In der Grenzenlosigkeit des theatralen Raumes repräsentiert und regiert sie nun. Lieblich winkt sie allen zu. Krieg, Frieden, Glück und Verzweiflung – all das liegt in ihrer Hand. Große Entscheidungen müssen getroffen werden, die Verantwortung lastet schwer auf ihr. Graziös tanzt sich die kommende Königin durch die Geschichte. Inmitten aller ist sie doch immer allein. Wer Macht hat, ist nicht privat. Die Person verschwindet ganz, wird zur Repräsentation. Das Wohl des Volkes, nicht das eigene, steht im Mittelpunkt. Trotzdem muss die souveräne Macht stets verteidigt und manifestiert werden. Das Zepter wird nicht aus der Hand gegeben. Doch Macht ist vergänglich. Der Königin ist tot, lang lebe die Königin.

aus dem Kritikerblog zum Freischwimmer Festival 2011

 

seit ich der audienz der kommende königin chuck morris am südpol beiwohnte, ist mein vertrauen in mich als königin im eigenen land, mit selbstgebastelter krone erschüttert. diese doppelköpfige wesen, dem ich eine gute stunde bei diversen zeremonien zuschauen durfte, ist von so leidenschaftsloser genauigkeit und präzision in ihrem auftreten, dass ich mir wünschte, teil ihres hofstaates zu sein.

Beatrice Fleischlin, freie Autorin und Performance Künstlerin

 

souvereines éternelles

Da sitzt sie nun also. Chuck Morris. Bewegungsunfähig. Doppelköpfig. Zwei Individuen, Eine Königin. Und zwischen Ihr und dem gemeinen Fußvolk nur eine Glasfront. Royale Erhabenheit im blauen Samt. Dem Königlichen haftet wie dem gemeinen C-Promi immer etwas theatrales an.
Nirgends wird eine öffentliche Zurschaustellung dabei so offenbar wie in einem Schaufenster. Der irritierte Flaneur der bürgerlichen Steige erkennt die Leibhaftigkeit seiner Majestät erst auf den zweiten Blick. Der erste gilt dem gewohnten Abbild. Stehenbleiben, verwundertes Schauen, Blicke treffen sich, verlegendes Weiterziehen. Man möchte ja nicht starren. Doch wer beobachtet eigentlich wen?

 aus dem Kritikerblog zum Freischwimmer Festival 2011

 

siebenschoenchen

Lucie Tuma und Cecilie Ullerup Schmidt nehmen den tschechischen Film „Siebenschönchen“ zum Ausgangspunkt für eine radikale und bilderstarke Performance. Zwei Puppenkörper, in Korsette aus Zeitungspapier geschnürt, verwickeln sich in Spiele, die nur ihren eigenen Regeln folgen. Wie Akteurinnen einer bis zum Anschlag aufgezogenen Spieluhr tanzen und sprechen sie, sie füttern sich mit Äpfeln und schlitzen sich die Kleider auf, sie explodieren still und rammen die Absätze ihrer Pumps in Wackelpuddingberge. Aber was tun mit einer Performance, in der zwar ständig gehandelt wird, die Handlungen aber keiner dechiffrierbaren Logik folgen? So wird „siebenschoenchen“ zu einer konsequenten Performance des Weg-, Sein- und Unterlassens, die Aspekte des untätig-Tätigseins durchspielt und den Zuschauer auf sich selbst zurückwirft.

 

Esther Boldt, freie Autorin u.a. für die taz, nachtkritik.de, Theater der Zeit und tanz Zeitschrift

 

Die beiden Maries machen ziemlich viel aus ihrer Langeweile. Hüllen sich in raschelndes Zeitungspapier, tanzen herum, füttern sich mit Äpfeln oder sitzen auf ihren Matratzen und machen nichts, außer, wie Lucie Tumova später sagt, dem Staub zuhören. Wir müssen nichts wollen. Welch beruhigende Botschaft in diesen Zeiten.

 

Nils Bremer, Journalist u.a. Journal Frankfurt

 

Das unstete Licht der Mattscheibe löst die in Zeitungspaper Eingewickelten aus dem Reich der Chimären um sie gleich wieder dorthin zurückzugeben. Was sich zu sehen gibt ist eine Überlagerung, TV über Zeitung, ein Medium übers andere Theater über Film, durchscheinend auf den Film hin und dann auch noch ein Licht das sich nicht im Bild einfindet sondern von ihm ausgeht und dadurch das Bild eben versteckt. Und was auf der Mattscheibe als Bild für uns nicht zu sehen ist, aber  auf der Bühne zu sehen gibt ist, so muss man annehmen, eben das was sich dem Ganzen zu Grunde legt: Tausendschönchen. Kein Märchen Doch wie lässt sich auf diesem Grund operieren ? Ein Grund des sich durch den Zusatz –kein Märchen explizit in die Sphäre des Politischen einschreibt und sich in seiner Form mit dem Film und seinen Kulturtechniken auseinandersetzt. Der auch deshalb kein Märchen ist, weil er mit moralischer Indifferenz spielt, weil er die ästhetische Verschwendung  setzt als Praxis die sowohl die Gesellschaft als auch die Subjekte an die Grenze der (Selbst) Vernichtung führt.

Der Film kann also weniger eine sichere Grundlage sein für das, was hier im Theater gezeigt wird, sondern eher ein Grund der durchschimmert in ein anderes Medium hinein ein und so die Differenz zwischen Film und Theaterabend (zu der die Unvergleichbarkeit der Gesellschaftlichen Ausgangsbasis tritt) nicht leugnet sondern gerade unterstreicht. Wie der Film formal mit den Konsequenzen filmischer Technik umgeht muss die Aufführung deshalb mit den Konsequenzen des jetzt-auf-einer-Bühne-seins umgehen. Und so ist an der Stelle in der im Film oppulente Zwischenbilder an der Grenze zum Abstrakten setzt nur die Konkretion einer fast leeren Bühne zu sehen. Dort wo Schnitte im Film die Figuren von einer Szenerie in die nächste – im ganz wörtlichen Sinn fallen lassen, sind es die Übergänge die auf beleuchteter offener Bühne eher die Figuren selbst zu Fall bringen in Richtung einer zweifelhaften Präsenz der Darstellenden als Bündelung dessen was der Bündelung in eine Figur widersteht. Das Springen – auf einer Matratze und im Stehen wie die Zeitungskostüme ist sowohl Zitat aus dem Film wie Scharfstellung der Differenz zu diesem. Auf der Bühne lässt sich das Rascheln des Papiers nie abstellen, es begleitet den Abend als beständiges Hintergrundrauschen. Und das Springen ist hier weniger rebellische Handlung als das was die Körper der Darsteller zu etwas bringt das die Figuren im Film nicht können – sie schwitzen, live und in Farbe.

 

Florian Ackermann, freier Dramaturg und Kurator

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